Dortmund hat weitaus mehr zu bieten als Fußball
und die Westfalenhalle! Dortmund ist die reichste Stadt Westfalens,
die auch schon im Mittelalter von Bedeutung war. So war Dortmund
bis 1803 eine Reichsstadt und im Mittelalter sogar Mitglied der
Hanse, außerdem war Dortmund der höchste Freistuhl des westfälischen
Femgerichts. Eine ganze Menge starker Tobak für eine Stadt aus
dem Ruhrgebiet, nicht wahr?
Es ist wohl klar das eine bereits im Mittelalter so bekannte Stadt
keineswegs auf Ihr eigenes Bier verzichten konnte (zumal es ein
großes Exportgut der Hanse war), und so ergab es sich, das Dortmund
zur europäischen Bierstadt Nummer 1 wurde. Klar, das man auch
mit einer eigenen Biersorte aufwarten kann, dem Dortmunder Export,
doch dazu später mehr.
Dortmunder Braugeschichte
Im Jahr 1266 wird Bier in Dortmund erstmals urkundlich erwähnt,
und eine über 700 Jahre alte Brautradition nahm ihren Lauf.
Wie in allen anderen Städten, so wurde auch in Dortmund zunächst
nur Grutbier gebraut, 1477 schwenkte man dann auf Hopfen um.
Das Grutbier war ein wildes Gemisch aus allerlei wohlriechenden
Kräutern aber auch giftigen Stoffen, die Halluzinationen hervorrufen
konnten. Das Bier war dick und zähflüssig. Die Geistlichkeit,
um genauer zu sein Kardinal Fabio Chigi Gesandter des
Pabstes beim westfälischen Frieden, konnte sich einen Kommentar
nicht verkneifen: "Noch etwas Schwefel dazu, und der Höllentrank
ist fertig!"
Das sogenannte Grutrecht konnte nur von den Landesherren verliehen
werden. Es sicherte dem Brauer eine Art Monopolstellung und
dem Landesherren sehr gute Steuereinnahmen zu. Gruthäuser waren
im Prinzip nichts anderes als mittelalterliche Finanzämter.
Für Hopfen gab es seinerzeit eine solche Regelung nicht, so
das sowohl den Brauern (die Ihr Monopol schwinden sahen) und
den Landesherren (kein Grutrecht, keine Steuern) sehr daran
gelegen war, das Hopfen von Bier zu unterbinden. Und das taten
sie dann auch sehr erfolgreich. Hopfen war allerdings viermal
billiger als die Grut und das Bier wurde schmackhafter und länger
haltbar einen Umstand vor dem man nicht allzu lange die
Augen verschließen konnte, und so wurde das Grutgeld einfach
auf Malz und Hopfen umgelegt.
1477 war es, als der Würzstoff Hopfen erstmals für die Herstellung
von Bier in Dortmund gebraucht wurde. Und natürlich setzte sich
der Hopfen schnell durch, die Herstellung der Grut entfiel,
denn Hopfen konnte man planmäßig anbauen und auch die Landesherren
waren zufrieden, da sie weiterhin ihre Steuer erhielten. Hopfen
wurde bis ins 19. Jahrhundert in Westfalen angebaut und war
in manchen Landstrichen sogar die bevorzugte Kulturpflanze.
Bereits um 1300 bestanden am Hellweg bei Dortmund Hopfenberge,
die verpachtet wurden. Und schnell erkennt man die Wichtigkeit
des Hopfens, wenn man einen Blick auf den Wortlaut des westfälischen
Landfriedens wirft, der 1385 geschlossen wurde. Dieser Landfrieden
war nichts anderes als ein Zusammenschluß westfälischer Städte,
um sich gegen das Raubrittertum zu schützen. Aber nicht nur
die Städte waren schützenswert: Die Machthaber Westfalens hielten
ihre schützende Hand auch über die Wyngardens und Hoppengarden
und deren Heckeren und Medarn (Arbeiter). Auch in späteren Gesetzen
taucht der Hopfen immer wieder auf: so findet man im Lohntarif
des Herzogtums Westfalens aus dem Jahr 1423 auch den Beruf des
Hopfenladers.
Das Dortmunder Grutrecht
Dortmunds älteste Urkunde über die Grutgerechtsame stammt aus
dem Jahr 1266. Das Grutrecht erhielt die Stadt am 22. August
1293 von König Adolf von Nassau, allerdings bis auf jederzeitigen
Widerruf. Die Einnahmen aus diesem Grutrecht mußte die Stadt
sehr zum Mißfallen der Stadtoberen mit dem Grafen von
Dortmund teilen. Drei Jahre später wurde dieses Brauprivileg
für unwiderruflich erklärt.
1332 war ein Meilenstein in der Dortmunder Braugeschichte! Die
Dortmunder Bürger Bertram Sudermann und Hermann Klepping schafften
es, das Kaiser Ludwig IV. den Dortmundern neben einigen
anderen Vorrechten das alleinige ius grutae in einer goldenen
Bulle verlieh. Mit dieser Urkunde vom 25. August 1332 war die
Zukunft der Stadt gesichert das Braumonopol war da!
Frei nach dem Motto: getruken wird immer waren die Einkünft
der Stadt aus diesem Grutrecht sehr hoch und auch so sicher,
das Erbrenten darauf verkauft wurden. Die Einnahmen waren sogar
so hoch, das ganze Kriege daraus finanziert werden konnten (so
zum Beispiel die Dortmunder Fehde von 1388 bis 1390, oder auch
die Soester Fehde von 1466 bis 1449).
In den Jahren 1390 bis 1398 wurden in Dortmund übrigens jährlich
2000 bis 2400 Tonnen Grutbier verkauft eine ganze Menge
für eine mittelalterliche Stadt. Im Jahr 1472 war es, als die
Stadt es jedem Bürger erlaubte, sein Bier selber zu brauen.
Natürlich hatte die Sache einen kleinen Haken (man macht sich
ja nicht seine beste Einnahmequelle zunichte), denn man durfte
nur auf Grundstücken brauen, die über das sogenannte ius braxandi
(Braugerechtsame) verfügten. Neue solcher Grundstücke kamen
kaum hinzu und bei dem Verkauf eines solchen gingen die Rechte
auf den neuen Eigentümer über. Hätte es im Mittelalter bereits
Immobilienmakler gegeben, hätten sie wohl vor diesen Grundstücken
Schlange gestanden.
Der Dortmunder Bierkrieg
Bereits 1293 erhielt Dortmund, als freie Reichsstadt, das kaiserliche
Braurecht verliehen. Ein Umstand, den es bei den lieben Nachbarn
nicht gerade beliebter machte. Ganz kompliziert wurde die Lage
aber erst im späten Mittelalter, als Dortmund anfing Bier in
die Nachbarstädte, wie zum Beispiel Münster oder auch Bielefeld,
zu exportieren. Die lokalen Obrigkeiten sahen sich dazu veranlaßt,
ihre Brauer zu schützen (oder besser ihre Geldtruhe, denn von
den Dortmundern konnten sie keine Biersteuer verlangen, von
den lokalen Brauern schon). Entsprechend war Ihnen sehr daran
gelegen, das die Einwohner das lokale Bier, und nicht das importierte
Dortmunder tranken. Lange Rede kurzer Sinn: Scharfschützen schossen
Löcher in die Holzfässer. Die Dortmunder, die durchaus Absatzchancen
in diesen Städten hatten, ließen ihre Biertransporte fortan
von Söldnern schützen, die nicht gerade zimperlich mit gefundenen
Scharfschützen umgingen. Diese ihrerseits wehrten sich natürlich
und so kam es zu regelrechten Bierkriegen rund um die Dortmunder
Biertransporte. Andere Hansestädte hatten mit diesem Problem
übrigens auch zu kämpfen!
Im 15. bis 17. Jahrhundert versorgte Dortmund das gesamte Umland
mit Bier. Bis ins Rheinland wurde der edle Stoff exportiert,
aber auch die Bewohner der Bergländer wurden mit Gerste und
Hopfen versorgt. Erst langsam bildeten sich neue Brauereien
in der Gegend um Dortmund, so zum Beispiel in Iserlohn, Schwerte
oder auch Hagen.
Ab dem 17. Jahrhundert ging es abwärts mit dem stetigen Wachstum
der Brauer. Die Auswirkungen der Reformation und des 30jährigen
Krieges machte ihnen schwer zu schaffen. Aber auch neue Getränke,
wie zum Beispiel Kaffee, Tee oder auch Kakao traten ihren Siegeszug
in Deutschland an.
Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts ging es wieder aufwärts.
Die Dortmunder Brauer brauten inzwischen ein untergäriges Bier
bayerischer Brauart und die Industrialisierung begann. Dortmund
wurde zur Arbeiterstadt umringt von Bergbau und eisenverarbeitender
Schwerindustrie. Zu verdanken hat man den Aufschwung der Brauereien
übrigens einem Mann: Heinrich Wenker. Er kehrte 1843 aus Bayern
zurück und führte die untergärige Brauweise ein. Und wie auch
Peter Overbeck stellte er das heute weltberühmte "Dortmunder
Helle" her.
Bis zu dieser Zeit wurde in Dortmund nur obergäriges Bier, ähnlich
dem Alt, gebraut. Und wie bei allem neuen wurde das Helle zunächst
nur streng beäugt. Zunächst als "niggemod'sches Herrenpier"
(neumodisches Herrenbier) belächelt, fand es dann doch seine
Freunde. Der Durchbruch gelang ihm aber erst, als die Dortmunder
auf den Geschmack des Exports kamen. Denn für den Export wurde
das Helle stärker eingebraut, damit es länger haltbar war
ein Umstand der den Dortmundern nicht verborgen blieb, und so
wurde auch bald in Dortmund selbst das Export getrunken.
Um 1840 gab es alleine in Dortmund 74 Brauereien und in Westfalen
sogar 1200. Ein Umstand der nicht lange so bleiben sollte. Denn
es gab nicht viele Brauereien, die es sich leisten konnten untergäriges
Bier ganzjährig zu brauen. Und so geschah es, das viele kleinere
Brauereien die Pforten schlossen, und die großen Brauereien
noch größer wurden.
Ab 1870 ungefähr wurde das Dortmunder Export auch in das europäische
Ausland exportiert, und schon bald gelangte es auch nach Übersee.
Dortmund wurde zu Europas Bierstadt Nummer 1!
Heute umfaßt der Verband Dortmunder Bierbrauer übrigens noch
6 Brauereien (in der Reihenfolge ihrer Gründung): Kronen, Thier,
Stifts, Actien/Hansa, Union und Ritter.
Dortmunder Export
Die Dortmunder Spezialität ist das Export. Im Ausland wird
dieses Bier übrigens schlicht und ergreifend Dortmunder genannt.
Es ist ein helles und obergäriges Bier (nicht umsonst besitzt
es den Spitznamen "Helles") das auch wenn es
seinen Ursprung in Dortmund hat inzwischen weltweit gebraut
wird.
Der Unterschied zum Pils liegt klar auf der Hand, da es für
den Export bestimmt war, besitzt es einen höheren Stammwürzegehalt
als das in Deutschland so beliebte Pilsener. Der Stammwürzegehalt
von Pils liegt übrigens bei 12 %, beim Dortmunder werden Spitzenwerte
von bis zu 13,5 % gemessen.
Aber der Stammwürzegehalt ist nicht der einzige Unterschied,
im Gegensatz zum Pilsener ist das Dortmunder nicht so aromatisch,
hopfig und bitter, es ist jedoch herber als das aus Bayern bekannte
"Helle". Schaum und Kohlensäureentwicklung sind übrigens
auch nicht all zu hoch.
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